Apostelgeschichte-09: Gefangenschaft des Paulus

Gründung und Wachstum der Gemeinde

Arbeitsblatt

 

 

EINLEITUNG (21,18-26)
Mit dem Eintreffen in Jerusalem schloss Paulus seine dritte Missionsreise ab. Nachdem er von der Gemeinde willkommen geheissen worden war, traf er sich mit Jakobus und den anderen Ältesten, um ihnen in allen Einzelheiten seine Arbeit unter den Heiden zu erklären. Da unterrichteten die Ältesten Paulus über ein Gerücht, das bei den gläubiggewordenen Juden umherging, nämlich, dass Paulus die Juden von Mose und ihren überlieferten Traditionen abwenden wollte. Wie die meisten Gerüchte, so enthielt auch dieses Elemente der Wahrheit, obwohl es im Kern falsch war. Paulus lehrte nicht, dass die gläubiggewordenen Juden ihre Traditionen ganz aufgeben mussten. Solange sie nicht im Widerspruch zur Wahrheit standen und solange sie ihre jüdischen Traditionen nicht den Heidenchristen aufzwangen, hatte Paulus nichts einzuwenden. Auf der andern Seite gab es natürlich Dinge, wie die Beschneidung und die Einhaltung des Gesetzes Mose, gegen die Paulus vehement auftrat (siehe Röm 3,20; Gal 2,16; 3,11; 5,1-6).

Um den Eiferern für das Gesetz keinen weiteren Anstoss zu bereiten und weiterhin unter den Juden das Evangelium von Christus verkündigen zu können, gehorchte Paulus den Anweisungen der Ältesten und bezahlte den vier Männern, die ein Gelübde hatten, ihr Ritual. Vermutlich handelt es sich hier um das Nasiräat - Gelübde (gem. Num 6), das mindestens 30 Tage dauerte. Dann ging Paulus hin, um auch sich zu weihen. Oft war es so, dass Juden, nachdem sie heidnisches Gebiet durchzogen hatten und nach Jerusalem zurückkamen, sich einem Reinigungsprozess unterzogen. Vielleicht ging es bei der Weihung des Paulus um ein solches Ritual, wozu er auch bereit war, damit er wieder im Tempel zugelassen werden konnte (siehe 16,3 und 1. Korinther 9,20-21). Gleichzeitig hatten die Juden einen Grund sich zu beruhigen, da sie zusehen konnten, dass Paulus nicht gegen das Gesetz verstiess.

 

I. PAULUS WIRD FESTGENOMMEN (21,27-40)

Offenbar konnte jedoch die Weihung des Paulus die Juden aus Asia nicht umstimmen. Als sie ihn im Tempel erblickten, packten sie Paulus voll Zorn, ohne auf seine Zeit der Weihung zu achten, und erregten einen Auflauf, indem sie ihn bezichtigten, gegen das Volk, das Gesetz und die Stätte (den Tempel) zu lehren. Sie hatten ihn in der Stadt zusammen mit dem Heiden Trophimus gesehen und nahmen einfach an, dass Paulus den Trophimus auch mit in den Tempel gebracht hätte, wodurch der Tempel entweiht worden wäre.

Die aufgebrachte Volksmenge konnte nur durch das rechtzeitige Eintreffen eines römischen Kommandanten und seiner Soldaten vom Mord an Paulus abgehalten werden. Dieser liess Paulus festnehmen und fesseln. Hier erfüllen sich die prophetischen Worte des Agabus, als Paulus noch in Cäsarea war (21,10-12). Auch der Oberst ging dabei von einer Annahme aus, dass Paulus ein ausserordentlich schweres Verbrechen begangen haben musste, für das dass Volk Rache suchte. Als der Oberst dann nach der Ursache des Auflaufs fragte, riefen die einen dies, die anderen das. In dem allgemeinen Durcheinander war nichts zu erfahren. Da ordnete er an, Paulus in die Kaserne abzuführen. Auf dem Weg dorthin fragte Paulus in Griechisch den Oberst: „Darf ich etwas zu dir sprechen?“ (V. 37). Da wunderte sich der Oberst, dass Paulus so gut griechisch sprach, da er ihn für einen ägyptischen Verbrecher hielt. Paulus klärte ihn über seine Identität auf, indem er sagte: „Ich bin ein Jude aus Tarsus in Cicilien, Bürger einer nicht unberühmten Stadt. Ich bitte dich aber, erlaube mir, zum Volke zu reden“ (V. 39). Als Jude hatte er das Recht, sich im Inneren des Tempels aufzuhalten. Als Bürger von Tarsus war er eine verantwortungsvolle Person, die nicht Unruhen anstiftete. Der Oberst gewährte diesen Wunsch in der Hoffnung, genaueres über die Ursache des Aufruhrs zu erfahren.

In der Gefangennahme des Paulus ist eine wichtige Lektion enthalten: Man könnte diesem Abschnitt auch den Titel geben: Und sie nahmen an! Das Gerücht über Paulus beruhte auf einer Annahme (V. 21). Die asiatischen Juden meinten, Paulus habe einen Griechen in das Innere des heiligen Tempels geführt (V. 29). Die Volksmenge liess sich anstiften gegen Paulus, obwohl die meisten gar nicht wussten, worum es ging. Auch der Oberst verwunderte sich, als er Paulus reden hörte, weil er ihn fälschlicherweise für einen ägyptischen Verbrecher hielt (V. 38). Die ganze Inhaftierung des Paulus beruhte auf falschen Vermutungen. Auch heute ist es so, dass wir uns oft durch Voreingenommenheit den Weg zur Wahrheit selbst versperren. Statt sachlich und mit Vernunft etwas abzuklären, lassen wir uns zu leicht von der Mehrheit zu falschen Schlussfolgerungen manipulieren und von eigenen Gefühlen leiten.

Viele Irrlehrer in der heutigen Zeit haben ein leichtes Spiel. Durch geschickte Massenmanipulationen spielen sie mit den Gefühlen ihrer Zuhörer und gewinnen so immer mehr Anhänger. Viele Irrwege könnten vermieden werden, wenn der Zuhörer mit einer unvoreingenommen Haltung bereit wäre, anhand der Bibel das gepredigte Wort auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass die zitierten Bibelstellen über ein bestimmtes Thema nicht nachgeschlagen und in ihrem Zusammenhang genau überprüft werden.

 

II. DIE REDE DES PAULUS AN DAS VOLK (22,1-29)

 

PAULUS VOR SEINER BEKEHRUNG (22,1-5)
Weil seine persönliche Lebensgeschichte sowohl dem Oberst als auch dem Volk unbekannt war, beginnt der Apostel seine Verteidigungsrede damit. Mit Stolz erzählt er seinen Zuhörern, dass er ein Jude aus Tarsus ist, und dass er von Gamaliel, einem der grössten Rabbis aller Zeiten, der vor etwa fünf Jahren gestorben ist, im Gesetz Moses unterrichtet wurde. Die Anschuldigungen, dass Paulus gegen das Volk der Juden und gegen das Gesetz Mose lehrt (21,28), weist er damit zurück. Obwohl er vom Volk geschlagen wird, zeigt er Verständnis für dessen Eifer, da auch er vor seiner Bekehrung die Gläubigen an Christus auf den Tod verfolgt hat, was die Hohepriester und der ganze Rat der Ältesten, die sich unter den Zuhörern befinden, bestätigen können. Damit versucht er seine Gegner zu gewinnen, indem er zeigt, dass auch er einmal so wie sie über Christus und seine Gemeinde gedacht hat. Was aber kann einen einstigen Verfolger Christi zu seinem wichtigsten Verfechter machen?

 

SEINE BEKEHRUNG (22,6-16, vgl. 9,1-19)
Um diese Frage zu beantworten, berichtet Paulus über seine Bekehrung. Als er unterwegs nach Damaskus war, um auch dort Christen zu verfolgen, hatte er eine Erscheinung in der ihm der Herr Jesus entgegen trat. Er gebot ihm in die Stadt zu gehen, wo ihm dann gesagt wurde, was er tun solle. Dann kam ein Jünger Jesu mit Namen Ananias zu ihm mit dem Gebot: Und nun, was zögerst du? Stehe auf, lass dich taufen und deine Sünden abwaschen, indem du seinen Namen anrufst!“ (V. 16).

Der Ausdruck „deine Sünden abwaschen“ bedeutet, dass die Sünden eines Menschen im Wasserbad der Taufe geistig abgewaschen werden. Dies erfordert echten Glauben (Mk 16,16). Dem wird entgegengehalten: „Wasser kann niemand erretten.“ Obgleich in 1. Petrus 3,21 wörtlich steht, dass das Wasser uns in der Taufe rettet, ist klar, dass die Kraft nicht im Wasser, sondern in Gott ist. So gebot der Herr einmal einem Blindgeborenen: „Geh an den [Teich] Siloah und wasche dich!“ (Joh 9,11). Das Wasser dieses Teiches hatte keine besondere Heilkraft; Christus heilte den Blinden. Er heilte ihn aber erst, als der Blinde dem Gebot, sich zu waschen, gehorchte (siehe auch Naemann in 2Kön 5,1-14). So ist es auch bei der Taufe. Im Wasser selbst ist kein Heil! Aber Gott vergibt dem Sünder, wenn er dem Taufgebot im Wasser gehorsam wird. Gerade bei der Tauffrage ist eine unvoreingenommene Haltung und ein forschender Geist sehr wichtig! Um die Gewissheit der Frage „Wodurch werden wir denn gerettet?“ zu erhalten, muss das Gesamtzeugnis der Bibel beachtet werden. Zum Beispiel:

1. Wir werden im Namen Jesu gerettet, gemäss Apg 4,12.

2. Wir werden durch das Evangelium gerettet, gemäss Apg 11,14; 1Kor 15,2.

3. Wir werden durch den Glauben gerettet, gemäss Apg 16,30.

4. Wir werden durch das Blut Christi gerettet, gemäss Eph 1,7.

5. Wir werden durch die Gnade gerettet, gemäss Eph 2,5, usw.

All diese Stellen lehren uns, was alles zu unserer Rettung dient. Dabei schliesst eine Stelle die andere nicht aus! Es genügt also nicht, nur eine Stelle zu nehmen (z. B. Apg 2,21, „jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“) und dabei voreilige Schlussfolgerungen zu ziehen! Wie rief Paulus den Namen des Herrn an? Durch ein Gebet oder einen lauten Ruf? Weder noch. Die Bibel sagt, dass er seine Sünden in der Taufe abwusch, indem er den Namen des Herrn anrief.

 

SEINE SENDUNG AN DIE HEIDEN (22,17-21)
Paulus zielt im Bericht seiner Bekehrung darauf hin, dass er gar nicht anders konnte, als vom Verfolger zum Nachfolger Christi zu werden, weil er der himmlischen Erscheinung Christi nicht ungehorsam sein wollte. Von den drei Jahren, die er in Damaskus verbrachte, sagt er nichts (Gal. 1,18). Dann fährt Paulus fort und erzählt, dass er nach Jerusalem zurückkehrte und dort zuerst in den Tempel ging um zu beten. Da erschien ihm der Herr Jesus erneut und gebot ihm, Jerusalem zu verlassen, „denn sie werden von dir ein Zeugnis über mich nicht annehmen“ (V. 18). Hier widerlegt Paulus gleichzeitig auch die dritte Anschuldigung, dass er gegen diese heiligen Stätte, den Tempel (21,28) lehre. Wie könnte er diese Stätte aufsuchen, um zu beten, und gleichzeitig gegen sie reden? Paulus wollte sogar in Jerusalem, bei seinen Judengenossen, bleiben und ihnen vom Heil in Christus erzählen, doch Jesus sagte ihm: „Geh, denn ich will dich unter die Heiden hinaus in die Ferne senden“ (V. 21). Hier erfahren wir, dass er eigentlich nicht gehen wollte, bis es der Herr selbst ihm gebot. Paulus hatte beim Tod des Stephanus mitgeholfen und eine Verfolgung verursacht, die die Gemeinde zerstreute. Er hielt sich für den richtigen Mann, der seinen früheren Genossen die Wahrheit des Evangeliums bringen sollte. Die ungläubigen Juden waren aber in ihren Herzen voll Bitterkeit und Hass; sie hielten Paulus für einen Verräter. Dass Paulus unter diesen Umständen dennoch zum Zeugnis bereit war, zeigt seinen Mut und die Echtheit seiner Bekehrung zum Herrn Jesus Christus.

 

DIE REAKTION DES VOLKES (22,22-29)
Bis zu diesem Satz hörten sie Paulus an und dann brach ihre Wut aufs Neue aus. Der römische Oberst wusste immer noch nicht, warum der Aufstand entstand. Er liess Paulus wegführen und gebot, dass man ihn unter Geisselhieben verhören solle. Als aber die Soldaten ihn schon dazu festgebunden hatten, fragte Paulus einen dabeistehenden Hauptmann: „Ist es euch erlaubt, einen Römer, noch dazu ohne Gerichtsurteil, zu geisseln?“ (V. 25). Als der Oberst erfuhr, dass er gesetzwidrig einen Römer geisseln lassen wollte, fürchtete er sich und liess Paulus losbinden.

 

III. PAULUS VOR DEM HOHEN RAT (22,30 - 23,22)

 

Weil aber der Oberst immer noch nicht wusste, was die Juden Paulus vorwarfen, wollte er ihn dem Hohen Rat und den Hohenpriestern vorführen. Dort erhielt Paulus die Gelegenheit zu den Gelehrten zu sprechen. Er begann seine Rede mit diesen Worten: „Ihr Brüder, ich bin mit allem guten Gewissen im Dienste Gottes gewandelt bis auf diesen Tag“ (23,1). Hier haben wir einen Mann vor uns, der immer das tat, was er für richtig hielt. Das galt selbst an jenen Tagen, als er die Gemeinde des Herrn ausrotten wollte. Auch das tat er mit gutem Gewissen. Paulus war damals ganz aufrichtig und doch irrte er sich gewaltig.

Ein Mensch muss aufrichtig sein, um Gott zu gefallen. Aufrichtigkeit allein aber schützt vor Irrtum und Sünde nicht. Dafür ist Paulus das beste Beispiel.

Mit Schmerzen und Wunden an seinem Körper von den Schlägen des vergangenen Tages stand Paulus da und verteidigte sich mit aller Sachlichkeit. Ananias, einer der korruptesten und gottlosesten Hohepriester, der je eine solche Position innehatte, liess Paulus ins Gesicht schlagen. Während er vorgab nach dem Gesetz zu richten, handelte er damit gegen das Gesetz. Denn das Gesetz verbot, einen nicht verurteilten Gefangenen schlagen zu lassen. Paulus nannte ihn „du geweisste Wand“ (V. 3) und klagte ihn damit der Heuchelei an. Jesus verglich die Schriftgelehrten und Pharisäer mit geweissten Gräbern, aussen frisch gestrichen und im Inneren voll Verwesung und Totengebeinen (Mt. 23,27). Als Paulus aufgeklärt wurde, dass er dies dem Hohepriester vorwarf, entschuldigte er sich. Einmal mehr zeigte er damit seinen Respekt vor dem Gesetz, der ihm abgesprochen wurde (21,28).

Selbst wenn wir manchmal eine Person nicht respektieren können, so sollten wir mindestens seine Position respektieren und Gott die Rache überlassen.

Der Hohe Rat (griech. Synedrium, Ratsversammlung) bestand aus Pharisäern und Sadduzäern, beides jüdische Sekten. Während die Pharisäer an die Auferstehung und an Engel und Geisterwesen glaubten, stritten die andern diese Dinge ab. Diese Zusammensetzung kannte Paulus sehr gut. Deshalb fuhr er seine Verteidigung geschickt fort, indem er erklärte, „wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht“ (V. 6). Diese Worte verursachten eine Spaltung unter den Zuhörern und führten zu einem grossen Zwist. Der Aufruhr war so gross, dass der Oberst Paulus wegbringen lassen musste, weil er befürchtete, er könnte von ihnen getötet werden.

Wieder war Paulus nur knapp dem Tod entgangen. Niedergeschlagen und entmutigt sass er in der kommenden Nacht alleine in seiner Gefängniszelle. Doch der Herr trat zu ihm und sagte: „Sei getrost! denn wie du in Jerusalem meine Sache bezeugt hast, so sollst du auch in Rom Zeugnis ablegen“ (V. 11). Die Erfüllung dieser tröstenden Vorhersage zeigt sich im kommenden Abschnitt der Apostelgeschichte.

Vierzig Männer schworen den Eid weder zu essen noch zu trinken bis sie Paulus getötet hätten. Sie baten den Hohen Rat, Paulus erneut vorführen zu lassen. Auf dem Weg dahin wollten sie ihn überfallen und töten. Der Neffe des Paulus erfuhr davon und informierte Paulus auf der Stelle. Der gab sein Wissen an den Obersten weiter, der dem jungen Mann einschärfte: „Verrate niemandem, dass du dies bei mir angezeigt hast!“ (V. 22).

 

IV. PAULUS ALS GEFANGENER IN CÄSAREA (23,23 - 26,32)

 

PAULUS WIRD FELIX ÜBERGEBEN (23,23-35)
Nachdem der Oberst vom Anschlag auf Paulus gehört hatte, schickte er ihn unter grosser militärischer Bewachung noch in derselben Nacht nach Cäsarea zum Stadthalter Felix. In einem Begleitschreiben stellte er sich selbst so dar, als habe er Paulus aus den Händen des jüdischen Volkes gerettet, weil er wusste, dass er ein Römer sei. Das stimmt nicht! Er hatte vom römischen Bürgerrecht seines Gefangenen erst erfahren, als er ihn geisseln lassen wollte, um ein Geständnis zu erzwingen. Felix wollte den Paulus aber erst verhören, wenn seine Ankläger auch im Gerichtshof in Cäsarea erscheinen würden.

 

ANKLAGE DER JUDEN GEGEN PAULUS VOR FELIX (24,1-9)
Die Feinde des Paulus brachten zur Anklage einen Anwalt namens Tertullus mit. Die eigentliche Anklage bestand aus drei Punkten: (1) Paulus sei ein Anstifter von Unruhen für alle Juden. (2) Er sei ein Vorkämpfer einer Sekte und (3) er habe versucht, den Tempel zu entheiligen. Beweise konnte Tertullus nicht vorlegen. Er meinte aber, dass ein Verhör des Gefangenen die Bestätigung erbringen würde. Die Juden, die mit Tertullus gekommen waren, unterstützten seine Behauptungen.

 

VERTEIDIGUNGSREDE DES PAULUS (24,10-21)
Der Apostel wies darauf hin, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe nicht bewiesen werden konnten. Das würde eine Untersuchung deutlich zeigen. Er war ja nur zwölf Tage in Jerusalem gewesen. Der Gefangene bekannte freimütig seinen Glauben an Gott, an die Schrift und die Aufer-stehung von den Toten. Er erwähnte auch den Zweck seiner Reise nach Jerusalem, nämlich dass er nur Geld für die armen Brüder überbringen wollte (V. 17) und sich im Tempel still weihte (V. 18), bis die Juden ihn gewaltsam aus dem Tempel rissen und einen grossen Aufruhr machten. Punkt für Punkt beantwortete Paulus die Vorwürfe seiner Ankläger und trotzdem entliess ihn Felix nicht. Warum? (1) Er wollte die Juden nicht vor den Kopf stossen. (2) Er erhoffte sich Bestechungsgelder von Paulus. Weil Paulus das Geld erwähnte, das er nach Jerusalem gebracht hatte, war Felix der Meinung, dass der Gefangene auch für seine Freiheit bezahlen würde.

 

PAULUS PREDIGT FÜR FELIX UND DRUSILLA (24,24-27)
Nach einiger Zeit liess Felix in Begleitung seiner Frau Drusilla den Paulus holen und wollte über den Glauben an Christus Jesus hören. Leider ist uns der Inhalt der Predigt nicht bekannt. Wir kennen aber die Hauptpunkte. Paulus sprach zu ihnen über „Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und das künftige Gericht“ (V. 25a). Da geriet Felix in Furcht und entliess Paulus wieder zurück ins Gefängnis. Nach zwei Jahren wurde Felix von Porcius Festus abgelöst.

 

PAULUS VOR FESTUS (25,1-12)
Nachdem Festus Stadthalter geworden war, besuchte er Jerusalem. Da wurden die Juden bei ihm sofort vorstellig und baten, dass Paulus zum Verhör nach Jerusalem überbracht würde. Dabei wollten sie ihn dann unterwegs überfallen und töten. Festus aber wies die Bitte zurück und lud statt dessen jüdische Führer zur Verhandlung nach Cäsarea ein. Als sie dort hinkamen, erhoben sie die gleichen unbeweisbaren Vorwürfe gegen Paulus, wie sie es damals schon vor Felix getan hatten. Eigentlich hätte Festus den Gefangenen entlassen sollen. Doch weil er die Gunst der Juden nicht verlieren wollte, fragte er Paulus, ob er zu einem Prozess in Jerusalem bereit sei. Paulus verweigerte und machte von seinem römischen Bürger-recht Gebrauch, indem er sich auf den Kaiser berief. Damit war der Prozess in Cäsarea beendet und der Gefangene musste an den kaiserlichen Gerichtshof in Rom weiter-geleitet werden.

 

FESTUS BITTET AGRIPPA UM RAT (25,13-17)
Nachdem Festus schon einige Tage im Amt war, besuchte ihn König Agrippa mit seiner Frau Berenice. Da sie sich Zeit nahmen, über Verschiedenes zu reden, erwähnte Festus seinem Besucher gegenüber die Einzelheiten über Paulus. Festus befand sich in einer schwierigen Lage. Nach römischem Recht musste derjenige, der sich auf den Kaiser berief und nach Rom geschickt wurde, ein Begleitschreiben mitbringen, in dem der betreffende Fall einschliesslich der Anklagepunkte dargelegt wurde. Doch Festus wusste nicht, was er schreiben sollte, da er keine Beschuldigungen gegen Paulus vorbringen konnte. Agrippa sollte ihm bei der Formulierung des Begleitschreibens behilflich sein. In fürstlicher Pracht liess Festus am folgenden Tag den Paulus vorführen.

 

REDE DES PAULUS VOR AGRIPPA (26,1-32)
Paulus drückte zuerst seine Freude über die Möglichkeit aus, vor einem Mann zu reden, der seine Situation am besten verstehen konnte, da Agrippa mit den Gebräuchen und Streitfragen der Juden vertraut war. Keine anderen Predigt in der Apostelgeschichte ist so persönlich. Paulus sprach Agrippa wiederholt bei seinem Namen oder Titel an, und mit dem Wort „du“ (V. 2.3.7.13. 19.26.27). Er begann seine Rede damit, dass er unter den Juden von Jugend auf bestens bekannt war und dass sie ihn statt zu verurteilen besser bezeugen sollten, wenn sie die Wahrheit reden wollten. Denn Paulus wurde nach der strengsten Glaubensrichtung der Pharisäer erzogen und steht nun „wegen der Hoffnung auf die von Gott an unsere Väter ergangene Verheissung“ (damit ist die Hoffnung auf den kommenden Messias gemeint, V. 6), vor Gericht. Dann forderte er alle seine Zuhörer heraus, indem er mit andern Worten fragte: Wenn Gott, der die Welt erschaffen konnte, andere von den Toten auferweckt hat, warum sollten sie daran zweifeln, dass Jesus von den Toten auferweckt wurde? Paulus gab zu, einmal ein eifriger Verfolger des Christentums gewesen zu sein, bis er eines Tages auf dem Weg nach Damaskus ein helles Licht gesehen hatte, in dem Jesus ihm erschienen ist. Diese Erscheinung veränderte sein ganzes Leben. Denn Jesus gab ihm den Auftrag unter die Heiden zu gehen und das Evangelium allen zu verkündigen. Dann zitierte Paulus sicher verschiedene alttestamentliche Stellen, in denen Mose (Dtn 18) und die Propheten (Jes 53) den kommenden Messias ankündigten, der sterben und auferstehen musste, damit allen Völkern das Heil in Christus kundgetan werden konnte.

Festus konnte sich nicht länger halten. Er hörte einem Mann zu, der in seinem Glauben so aufging, dass er sich vor seinen Richtern nicht verteidigte, sondern sie zu bekehren versuchte. Mit lauter Stimme unterbrach Festus den Paulus indem er sagte: „Paulus, du bist von Sinnen! Die grosse Gelehrsamkeit bringt dich von Sinnen“ (V. 24). Doch Paulus liess sich nicht aufhalten, sondern wendete sich wieder Agrippa zu, der ganz genau wusste, wovon Paulus redete. Agrippa wäre im Stande gewesen, Festus zu erklären, worum es ging. Doch er wollte nicht. Für ihn war die Situation peinlich. Was würde Festus von ihm denken, wenn er Paulus zustimmte? Auf der andern Seite wollte er auch seinen Einfluss bei den Juden nicht aufs Spiel setzten, indem er gegen die Propheten redete. So zog er sich beschämt aus der Affäre, indem er Paulus auf die Frage, ob er an die Propheten glaube, antwortete: „Nächstens überredest du mich, als Christ aufzutreten“ (V. 28). Damit wurde die Sitzung beendet und Paulus wurde wieder in seine Zelle zurückgeführt. Die andern besprachen den Fall weiter unter sich und Festus meinte: „Dieser Mensch begeht nichts, was Tod oder Fesseln verdient“ (V. 31). Agrippa sagte aber zu Festus: „Dieser Mensch hätte freigelassen werden können, wenn er nicht Berufung an den Kaiser eingelegt hätte“ (V. 32).

VORSCHAU: Mit den Kapiteln 27 und 28 beenden wir in der nächsten Lektion unser Studium der Apostelgeschichte. Gemäss der Verheissung Gottes (23,11) kommt Paulus sicher nach Rom, um auch dort die Wahrheit zu verkündigen.