Denken-1: Kann der denkende Mensch glauben?

Denken und Glauben

 

 

Zu Beginn einer Vorlesung über die Bewertung von Zeugen in einer Gerichtsverhandlung hat ein Professor seinen Studenten folgende Aufgabe gestellt: „Beweisen Sie, dass die Frau, die Sie für Ihre Mutter halten, Sie tatsächlich an Ihrem angeblichen Geburtsdatum zur Welt gebracht hat.“ Die Aufgabe schien den Studenten ziemlich einfach zu sein, und innerhalb von wenigen Minuten hatten fast alle eine scheinbar stichhaltige Beweisführung auf drei Indizien:

1.  Eine besiegelte Geburtsurkunde mit Angabe der Mutter und des Geburtsdatums,

2.  das einstimmige Zeugnis von Ärzten, Bekannten und vermeintlichen Verwandten und

3.  Familienähnlichkeiten.

Als jedoch diese Indizien zur Sprache kamen, begann der Professor, jedes Beweisstück anzuzweifeln. Hätte nicht jemand die Geburtsurkunde irrtümlicherweise ausstellen oder gar fälschen können? Könnte es nicht Gründe geben, warum Bekannte und Verwandte die Wahrheit über die Geburt und die echten Eltern vertuschen würden? Betreffend der Familienähnlichkeiten, gibt es nicht Leute, die sich ähnlich sehen, aber gar nicht verwandt sind? Offensichtlich hatte keiner eine hundertprozentig stichhaltige Beweisführung geliefert. Trotzdem blieben alle fest davon überzeugt, dass sie ihre Mutter und ihr Geburtsdatum kannten. Warum? Alle Indizien sprachen dafür. Ausserdem hatte keiner der Verwandten und Bekannten je etwas Gegenteiliges behauptet oder angedeutet, und es gab keine erkennbaren Motive, die Wahrheit zu verheim­lichen.

Wissen und Glauben

Der Professor wollte seinen Studenten klarmachen, dass all ihre „Kenntnisse“ über historische Ereignisse, die sie nicht selber wahrgenommen hatten, auf dem Glauben an die Aussagen von Zeugen beruhen. Ob wir Zeugen Glauben schenken, ist von ihrer Anzahl, Einstimmigkeit, Fähigkeit, Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit abhängig und nicht zuletzt davon, was wir für möglich halten. Deshalb sind Zeugenaussagen über Ereignisse der Vergangenheit nie ein absoluter Beweis, dennoch sind sie oft so stark, dass das Bezeugte sich kaum leugnen lässt.

Wir sind ein recht „gläubiges“ Volk, wenn man es sich ein wenig überlegt. Unsere „Kenntnisse“ der Tagesereignisse sind grösstenteils Glaube an die Aussagen von Journalisten. Das „Geschichtswissen“ erweist sich letzten Endes als Glaube an die Berichterstattung von Augenzeugen vergangener Ereignisse. Gerichtsurteile beruhen auf dem Glauben an Zeugenaussagen. Wir schlucken Medikamente, die sogar gefährlich sein könnten, weil wir dem Arzt und den Angaben auf dem Etikett der Herstellungsfirma glauben. Wir glauben Verwandten, Bekannten, Lehrern und sogar Fremden, wenn sie uns etwas erzählen. Aus Erfahrung haben wir erkannt, dass wir uns, ohne naiv zu sein, auf Zeugen durchaus verlassen können und müssen. Ohne Glauben geht es überhaupt nicht in dieser Welt!

Allerdings wird der Begriff Glauben plötzlich verpönt und als leichtgläubige, gefühlsmässige Flucht in die Unvernunft abgetan, sobald wir auf den Glauben an Gott, Jesus Christus oder die Bibel zu sprechen kommen. Selbst viele engagierte Gläubige bezeichnen die Entscheidung, an Jesus zu glauben, als ein „Wagnis“ und ein „Hineinspringen“, das mit Beweisen, Argumenten und logischen Schlussfolgerungen nicht begründet werden kann. Muss man wirklich im Glauben den Verstand ausschalten? Schliessen sich Glaube und kritisches Denken gegenseitig aus?

Wir beantworten diese Frage entschieden mit Nein. Sicherlich lässt sich der Glaube an Jesus Christus nicht wie eine mathematische Formel lückenlos beweisen, ebensowenig, wie der Glaube an Geburtsurkunden, Zeitungsberichte und Zeugenaussagen im Gerichtssaal. Auch wollen wir nicht behaupten, dass man nur durch logische Argumente zum Glauben kommen kann, denn es gibt viele Aspekte des Evangeliums, die zum echten Glauben führen können. Dennoch kann die Entscheidung, Jesus unser Leben anzuvertrauen und ihm und seinem Wort in allen Dingen zu folgen, begründet werden. Der Verfasser des Hebräerbriefes hat es so ausgedrückt: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, ÜBERZEUGTSEIN von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)

Das altgriechische Wort für Überzeugtsein aus diesem Zitat wird auch mit Überführtsein, Überzeugung und Nichtzweifeln übersetzt. Es hebt hervor, dass man von der Wahrheit der unsichtbaren Elemente des Glaubens überführt worden ist und nicht mehr zweifelt. Es geht darum, dass einer sich überzeugen lässt.

Auch Jesus hat den Glauben so aufgefasst. Er legte viel Wert darauf, durch Wort und Tat die Menschen von seiner Göttlichkeit und der Wahrheit seiner Botschaft zu überzeugen. In dieser Lektion wollen wir zeigen, dass Jesus kein blindes Hineinspringen in den Glauben an das Evangelium im Sinn hatte, sondern dass er für diesen Glauben Beweismaterial geliefert hat. Ob dieses Beweismaterial überzeugend oder stichhaltig ist, ist eine Frage, der wir nicht in dieser, sondern in weiteren Lektionen nachgehen wollen. In dieser Lektion sollten wir lediglich erkennen, wie Jesus durch Wunder, erfüllte Prophezeiungen, die Auferstehung und die Zeugenaussagen seiner Apostel den menschlichen Verstand ansprechen wollte, um seine Göttlichkeit und die Wahrheit seiner Botschaft zu beweisen.

Wunder

Selbst Johannes der Täufer, ein Prediger, der den Weg für Jesus vorbereiten sollte, geriet in Zweifel. Er schickte zwei Boten zu Jesus, um ihn zu fragen, ob er der erwartete Heiland sei. Jesus erwiderte: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahmen gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer nicht an mir irre wird.“ (Lukas 7,22-23)

Der Zweck der Wunder lag darin, geistliche Wahrheiten, z.B. seine Göttlichkeit und Sünden­vergebung, zu bestätigen, wie Jesus erklärte: „Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, DANN GLAUBT MIR DOCH UM DER WERKE WILLEN.“ (Johannes 14,11)

„DAMIT IHR ABER WISST, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden die Sünden zu vergeben - sagte er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm deine Trage und geh heim! Und sogleich stand er vor ihren Augen auf, nahm die Trage, auf der er gelegen hatte, und ging heim und pries Gott.“ (Lukas 5,24-25)

Die Apostel sahen den Beweis der göttlichen Herkunft Jesu in seinen Wundertaten, wie Petrus zu Pfingsten erklärte: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth ist der Mann, DER VON GOTT DURCH TATEN, WUNDER UND ZEICHEN UNTER EUCH AUSGE­WIESEN IST, wie sie Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, WIE IHR SELBST WISST.“ (Apostelgeschichte 2,22)

Prophezeiungen des Alten Testaments

Um sich als König und Heiland Israels auszuweisen, musste Jesus die vor Jahrhunderten geschriebenen Voraussagen im Alten Testament über diesen König erfüllen, wie er sagte: „Es muss alles erfüllt werden, was von mir im Gesetz Mose, in den Propheten und in den Psalmen geschrieben steht. Da öffnete er ihnen DAS VERSTÄNDNIS, so dass sie die Schrift VERSTANDEN.“ (Lukas 24,44-45)

Deswegen haben die Anhänger Jesu mit Argumenten aus dem Alten Testament den Verstand ihrer Zuhörer angesprochen, um den Glauben an Jesus zu begründen und Juden und andere Schriftkundige zum Glauben zu bewegen: „Von der Schrift her versuchte er (Paulus) zu ERKLÄREN und zu ZEIGEN, dass Christus leiden und von den Toten auferstehen musste und dass Jesus, den ich - so sprach er - euch verkündige, der Christus ist. Einige von ihnen LIESSEN SICH ÜBERZEUGEN ....“ (Apostelgeschichte 17,2-4)

„Denn er (Apollos) WIDERLEGTE die Juden gründlich und BEWIES öffentlich durch die heilige Schrift, dass Jesus der Christus ist.“ (Apostelgeschichte 18,28)

Die Auferstehung

Als Beweis, dass Jesus die Welt endgültig richten wird, verwies Paulus auf die Auferweckung Jesu vom Tode: „Denn er (Gott) hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis mit Gerechtigkeit richten will durch den Mann (Jesus), den er dazu bestimmt hat. IHN HAT ER FÜR ALLE MENSCHEN DADURCH BEGLAUBIGT, DASS ER IHN VON DEN TOTEN AUFERWECKT HAT.“ (Apostelgeschichte 17,31)

Die Auferstehung Jesu zeigt seine Macht, jeden vom Tode aufzuerwecken, um sie entweder zum ewigen Leben oder zur ewigen Strafe zu führen. Jesus erklärte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt; ... Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und die Gutes getan haben, werden herauskommen zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ (Johannes 11,25; 5,28-29)

Das Zeugnis

Wie alle historischen Ereignisse, mussten auch die Taten Jesu durch Zeugenaussagen festgehalten werden. Mit ihrem Zeugnis über das Leben und die Auferstehung Jesu haben die Apostel Christi die Welt aufgefordert, zu Jesus Stellung zu nehmen. In der Bibel haben wir dieses Zeugnis, das sich kritisch prüfen lässt und Glauben bewirken kann. Petrus behauptet: „Und wir sind ZEUGEN von allem, was er im jüdischen Land und in Jerusalem getan hat. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern nur uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen; wir haben ja mit ihm gegessen und getrunken, nachdem er von den Toten auferstanden war. Und ER HAT UNS GEBOTEN, DEM VOLK ZU PREDIGEN UND ZU BEZEUGEN, DASS ER VON GOTT ZUM RICHTER DER LEBENDEN UND TOTEN BESTIMMT IST.“ (Apostelgeschichte 10,39-42)

Einladung zur Untersuchung

Die Bibel sieht den Glauben an Jesus nicht als ein blindes Hineinspringen oder tollkühnes Wagnis, sondern als eine Entscheidung, die sich auf Tatsachen gründet. Der Glaube fällt nicht vom Himmel durch direkte Einwirkung Gottes, sondern entsteht, durch das aufmerksame Zuhören, der Wortverkündigung, wie Paulus erklärt: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“ (Römer 10,17)

Ob wir den Zeugenaussagen und Beweisführungen dieses Wortes bzw. der Apostel glauben können, ist eine Frage, die wir untersuchen wollen. Dies ist die erste in einer Reihe von sieben Lektionen, die sich mit der Begründung des christlichen Glaubens auseinandersetzen.

Lektion 1           Kann der denkende Mensch glauben?
Lektion 2           Können wir an die Wunder der Bibel glauben?
Lektion 3           Ist Jesus wirklich auferstanden?
Lektion 4           Ist die Bibel wirklich Gottes Wort?
Lektion 5           Was wollte Jesus eigentlich?
Lektion 6           Wer ist ein Christ?
Lektion 7           Was ist biblisches Christentum?

 

Links:

- Der Glaube ist der Sieg

- Der Glaube

 

 

Arbeitsblatt zu Lektion 1

Nehmen Sie bitte zu folgenden Aussagen Stellung:

Ja /Nein    1.      Ein Ereignis ist nur dann wahr, wenn man es selbst erlebt hat.

Ja / Nein   2.      Der Glaube an Gott hat mit dem Verstand nichts zu tun!

Ja / Nein   3.      Jesus Christus bekräftigte mit Zeichen und Wundern die Wahrheit seiner Botschaft.

Ja / Nein   4.      Die Apostel sprachen die Gefühle der Zuhörer an, als sie Vorhersagen über Jesus Christus aus dem Alten Testament zitierten und auf die Erfüllung durch ihn hinwiesen.

Ja / Nein   5.      Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist der Beweis Gottes für das kommende Gericht am letzten Tag.

Ja / Nein   6.      Die Predigt der Apostel ist ein Zeugnis über die göttliche Sendung Jesu Christi.

Ja / Nein   7.      Der Glaube an Christus erhält durch eine aufrichtige Prüfung der Zeugen-aussagen über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi ein festes Fundament.