Entstehung-10: Die apokryphen Bücher

Die Bibel – Entstehung und Überlieferung

Neil R. Lightfoot

 

Heute gibt es kaum Diskussionen über die Frage, welche Bücher rechtmässig zur Bibel gehören. Der Kanon der Heiligen Schrift steht fest. Aber die Frage des Kanons wurde in den zwei grossen Kirchen verschieden beantwortet. Katholizismus und Protestantismus sind sich einig in Bezug auf den neutestamentlichen Kanon, aber bezüglich der Bücher des Alten Testamentes sind sie geteilter Meinung. Nimmt man eine katholische Bibel zur Hand, so findet man im Alten Testament einige zusätzliche Bücher, die in den protestantischen Übersetzungen nicht vorhanden sind, mit Ausnahme einiger Ausgaben der Lutherübersetzung. Diese zusätzlichen Bücher sind allgemein als Apokryphen bekannt.

Apokrypha ist ein griechisches Wort und bedeutet „verborgen“. Es wurde sehr früh im Sinne von „geheimnisvoll“ benutzt, aber auch für Bücher, deren Ursprung zweifelhaft oder unbekannt war. Schliesslich bekam das Wort die Bedeutung von „nicht-kanonisch“, und so sind die nicht-kanonischen Bücher seit Jahrhunderten als apokryphe Bücher bekannt. In protestantischen Kreisen ist das Wort „Apokryph“ jedoch die allgemeine Bezeichnung für diese zusätzlichen Bücher der katholischen Bibel. Genauer bezeichnet müssten diese Bücher die „Apokryphen des Alten Testamentes“ heissen, denn es gibt auch neutestamentliche apokryphe Schriften.

Die apokryphen Bücher des Alten Testamentes

Die alttestamentlichen Apokryphen enthalten 14 oder 15 Bücher, je nach Art der Zählung, die in der Zeit zwischen 200 v. Chr. und 100 n. Chr. geschrieben wurden. Die Titel dieser Bücher sind folgende:

1. Das erste Buch Esra (auch als drittes Buch Esra bekannt)

2. Das zweite Buch Esra (auch als viertes Buch Esra bekannt)

3. Tobias

4. Judith

5. Die Zusätze zu dem Buch Esther

6. Die Weisheit des Salomo

7. Die Weisheit Jesus des Sohnes Sirach

8. Baruch

9. Der Brief des Jeremia (dieser Brief erscheint manchmal als letztes Kapitel im Buche Baruch, dann verringert sich die Zahl der Bücher auf 14)

10. Das Gebet Asarjas und der Gesang der drei Männer im Feuerofen

11. Die Geschichte von Susanne und Daniel

12. Vom Bel zu Babel und dem Drachen zu Babel

13. Das Gebet Manasses

14. Das erste Buch der Makkabäer

15. Das zweite Buch der Makkabäer

Das erste und das zweite Esrabuch und das Gebet Manasses werden von der römisch-katholischen Kirche als nicht-kanonisch betrachtet. In katholischen Bibeln sind die übrigen 12 Bücher mit den 39 anerkannten Büchern des Alten Testamentes vermischt. Tobias, Judith, Weisheit des Salomo, Jesus Sirach und Baruch sind in den Brief des Jeremia und die zwei Bücher der Makkabäer eingefügt. Die Zusätze zu Esther erscheinen zusammen mit dem Buch Esther. An das Buch Daniel sind das Gebet des Asarjas, der Gesang der drei Männer im Feuerofen, die Geschichte von Susanna, vom Bel und dem Drachen zu Babel angehängt (1. und 2. Esra der katholischen Bibel sind nicht dieselben wie die oben genannten Bücher Esra, sondern andere Bezeichnungen für unsere Bücher Esra und Nehemia). Da in der katholischen Bibel verschiedene apokryphe Bücher mit den kanonischen Büchern verbunden sind, weist sie 46 Bücher im Alten Testament auf.

Es gibt viele stichhaltige Gründe, nach denen die Apokryphen nicht als Heilige Schrift anerkannt werden können.

1. Diese Bücher waren nie im hebräischen Kanon des Alten Testamentes enthalten. Diese Tat­sache gewinnt ihre volle Bedeutung, wenn man bedenkt, dass das Alte Testament eine jüdische Sammlung von jüdischer Geschichte und Gesetz ist, und es gibt keinen Beweis dafür, dass diese Bücher jemals von einer jüdischen Gemeinschaft anerkannt wurden, weder in Palästina noch ausserhalb.

2. Diese Bücher wurden nie von Jesus und seinen Aposteln als kanonisch akzeptiert. In der vorigen Lektion wurde gezeigt, dass das Alte Testament heute wie damals das gleiche ist. Das Alte Testament des Herrn Jesus war das hebräische Alte Testament, und im hebräischen Alten Testament waren die apokryphen Schriften niemals enthalten. Die Apostel erwähnten in ihren Predigten viele Ereignisse aus dem Alten Testament, aber sie beziehen sich nie auf einen Vorfall oder eine Lehre aus den Apokryphen. Die neutestamentlichen Schreiber zitierten aus fast allen alttestamentlichen Büchern, aber nirgendwo finden wir ein Zitat aus den Apokryphen als aus der Heiligen Schrift. Der Kanon des Alten Testamentes, wie er von Jesus und seinen Aposteln anerkannt war, sollte auch massgebend für die heutigen Christen sein.

3. Auch die jüdischen Schreiber des ersten Jahrhunderts, Josephus und Philo, und das jüdische Konzil in Jamnia (etwa 90 n. Chr.) akzeptierten diese Bücher nicht als Heilige Schrift; ebenso­wenig die bedeutenden Schreiber Origenes und Hieronymus. Etwa 400 n. Chr. stellte der grosse römische Gelehrte Hieronymus, dessen Übersetzung - die lateinische Vulgata - noch heute die Grundlage der offiziellen katholischen Bibel ist, ausdrücklich fest, dass diese Bücher apo­kryphisch und nicht in dem Kanon der Heiligen Schrift enthalten sind.

4. In diesen Büchern ist kein Beweis von wirklicher Inspiration zu finden. Grosse Teile der Bücher sind offensichtlich legendär und erdichtet. Sie enthalten oft geschichtliche, chronologische und geographische Fehler. In Judith z. B. wird Holofernes als General des „Nebukadnezars, der über Assyrien in der grossen Stadt Ninive regierte“ (1, 6) beschrieben. In Wirklichkeit war Holofernes ein persischer General, und Nebukadnezar war natürlich babylonischer König in Babylonien. Einige dieser Bücher widersprechen sich selbst und den kanonischen Schriften.

5. Die Bücher waren von ständiger Ungewissheit umgeben. Da sie von den Juden nicht als Autorität geachtet wurden, mussten sie ihre Anerkennung anderswo hernehmen. Diese Anerkennung kam von einigen abgespalteten griechischen Gemeinden, was dazu führte, dass diese Bücher schliesslich einigen griechischen und lateinischen Übersetzungen einverleibt wurden. Es gibt aber keinen Beweis dafür, dass die Septuaginta (griechische Übersetzung des Alten Testamentes) jemals einen festen Kanon von Büchern hatte. Keine zwei griechischen Handschriften stimmen überein in Bezug auf die Bücher der Septuaginta, und nicht alle Bücher, die in ihr enthalten sind, werden von der römisch-katholischen Kirche akzeptiert. Die Septuaginta selbst zeugt gegen ein Buch der Apokryphen (2. Esra), da dieses in keiner Handschrift der Septuaginta zu finden ist.

6. Diese Bücher können nicht nachträglich autorisiert werden. Am 8. April 1546 erklärte die römisch-katholische Kirche in der vierten Sitzung des Konzils zu Trient die alttestamentlichen Apokryphen (mit Ausnahme von 1. und 2. Esra und dem Gebet Manasses) zu autoritativen und kanonischen Schriften. Das geschah, obwohl in ihrer eigenen Geschichte zu verschiedenen Zeiten sich offizielle römisch-katholische Stellen gegen die Apokryphen als kanonische Schriften ausgesprochen hatten. Aber diese Tatsache ist für eine religiöse Organisation natürlich, deren ganzer Aufbau nach Traditionen geformt ist und deren Glaube nicht nur aus der Heiligen Schrift, sondern auch von den „Vätern“ und „Päpsten“ stammt. Es zeigt sich, dass die Apokryphen ohne die anmassende Macht Roms über die Heilige Schrift nie zu einem ernsten Problem geworden wären. Aber auch Rom mit all seiner „Unfehlbarkeit“ kann die fehlbaren Apokryphen nicht unfehlbar machen.

Man kann auch nicht halbwegs an diesen Büchern festhalten. Luther gibt den Apokryphen eine halbkanonische Stellung: „Die Apokryphen sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind.“ Diese Stellungnahme gegenüber den Apokryphen kann dazu führen, dass man zu den kanonischen Schriften etwas hinzufügt oder dass man mit den Lehren der Schrift in Konflikt gerät.

Zusammenfassung

Das Wort „Apokryph“ kann für die nicht-kanonischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes gleicherweise gebraucht werden. Im allgemeinen bezeichnet man damit jedoch eine Gruppe von 14 oder 15 Büchern, von denen die meisten im Alten Testament katholischer Bibeln enthalten sind. Diese Bücher können aus folgenden Gründen der Heiligen Schrift nicht gleichgesetzt werden:

1. Sie waren nie in dem hebräischen Alten Testament enthalten.

2. Sie wurden von Jesus und seinen Aposteln nie als kanonisch akzeptiert.

3. Sie wurden von den alten jüdischen und christlichen Schreibern nicht anerkannt.

4. Sie beweisen keine wirkliche Inspiration.

5. Sie waren immer von Unsicherheit umgeben.

Einwände gegen sie können nicht auf diktatorische Weise zurückgewiesen werden.

Die apokryphen Bücher sind rechtmässig von der Bibel ausgeschlossen; man kann auch nicht halbwegs an ihnen festhalten.

 

Arbeitsblatt 10: Zum Einprägen

 

Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen anhand der Lektion und senden Sie das ausgefüllte Arbeitsblatt an die Kontaktadresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

 

1. Was ist die grundsätzliche Bedeutung des Wortes „Apokryph“?


2. Zählen Sie fünf Apokryphenbücher des Alten Testamentes auf.


3. Erklären sie den Wert einiger Apokryphen.


4. Nennen Sie kurz sechs stichhaltige Gründe für die Ablehnung der Apokryphen als Heilige Schrift.


5. Erklären Sie einen für Sie am stichhaltigsten Grund, warum die Apokryphen nicht als Heilige Schrift anerkannt werden können.


6. Fragen oder Anregungen?